Diethard

Fotos: Sylvie Gagelmann

Diethards Geschichte ist filmreif, ich beginne sie mal so:

Eines Tages steht unangemeldet ein junger, unbekannter Mann in seinem Büro und behauptet, Diethard habe einen Bruder, von dem er nichts weiß, der heiße Uwe und sei zwei Jahre älter als er. Diethards Mutter, die er nicht kannte, lebe auch noch, sie heiße Helga und sei inzwischen 84 Jahre alt. Ach ja, und er selbst, sagte der junge Mann, sei Stephan, Diethards Neffe. Guten Tag.

Diethard ist mein Schwiegervater, und als ich ihn vor mehr als zwanzig Jahren kennenlernte, erlebte ich ihn als strengen, autoritären, ungeduldigen und zielstrebigen Mann. Er war Vorstandsmitglied der Otto Group, verantwortlich für eine Milliardensumme und mehrere tausend Mitarbeiter. Seine Karriere ist außergewöhnlich und bewundernswert, denn Erfolg war Diethard nicht in die Wiege gelegt: Aufgewachsen war er in einer armen Pflegefamilie. Dass seine Eltern nicht seine leiblichen Eltern waren, erfuhr er erst mit 20 Jahren, als er heiratete und seine Geburtsurkunde beim Standesamt vorlegen musste.

Bevor ich auf Diethards Geschichte zurückkomme, will ich das dazwischen schieben: Geheiratet hat Diethard Yvette, eine Pariserin, die nach Hamburg gezogen war, weil sie Deutschland mochte und kennen lernen wollte zu einer Zeit, in der von deutsch-französischer Freundschaft noch keine Rede sein konnte. Entsprechend unbeliebt machte sie sich damals bei ihrer Familie, als sie Mitte der 60er Jahre ins Feindesland reiste, sich dort verliebte und den Deutschen dann auch noch heiratete (und zwei Töchter bekam, von denen ich dann viel später selbst eine heiratete). Im September 2019 haben Yvette und Diethard ihre Goldene Hochzeit gefeiert in Saint-Rémy-de-Provence. Es war ein wunderschönes Fest mit Freunden und Verwandten, die aus den verschiedensten Teilen Deutschlands, Belgiens und Frankreichs angereist kamen.

Seit Stephan an besagtem Tag in Diethards Büro aufkreuzte, weiß mein Schwiegervater, dass seine Familie eigentlich aus Danzig stammt, vor dem Zweiten Weltkrieg wohlhabend war, dann aber alles verlor, dass seine Mutter Helga als junge Frau fliehen musste und ihn aus Gründen bitterster Armut direkt nach der Geburt an eine Pflegefamilie abgeben musste. Natürlich hat Diethard als junger Mann versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Er fand ihre Adresse heraus, stand auf Drängen Yvettes sogar mit einem Strauß Blumen vor ihrer Tür, klopfte aber nicht an sondern ging wieder.

Diethard, Yvette und meine eigenen Eltern gehören zu der Generation Menschen, die geholfen hat, den Wohlstand zu schaffen und das Europa aufzubauen, in dem wir heute leben dürfen. Meine Dankbarkeit dafür kann ich kaum in Worte fassen. Hinzu kommt für mich Diethards außergewöhnliche Geschichte und Persönlichkeit. Diethard ist ein Mann, der in seinem Leben wenig geschenkt bekommen hat, sich dennoch bis ganz nach oben gekämpft hat und dabei nie vergessen hat, woher er kommt. Ich habe mit einigen seiner ehemaligen Mitarbeiter gesprochen, die mir zum Beispiel erzählten, dass ihr Chef in Krisenzeiten eng mit dem Betriebsrat zusammen arbeitete, um Kündigungen zu verhindern. So fand er Lösungen, bei denen alle ein wenig abgeben mussten statt Wenige alles.

Wenn ich Rat brauche, ob aus beruflichen oder privaten Gründen, wende ich mich an Diethard. Für mich ist Diethard mehr als mein Schwiegervater, er ist mein Freund, Mentor und Vorbild.

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Sybil